Lesen und Schreiben diagnostizieren
Konzeptionelle Grundlagen und Alleinstellungsmerkmale der OnlineDiagnose Basiskompetenzen von Westermann
Prof. Dr. Peter Kühn
Universität Trier
Sie sind Lehrerin oder Lehrer an einer weiterbildenden Schule? Dann müssen Sie damit rechnen, dass Ihre Schülerinnen und Schüler aus der Grundschule mit divergierenden Fertigkeiten und Fähigkeiten in Ihre Klasse gekommen sind.
Dies gilt insbesondere für die grundlegenden Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen in den Mittleren Schulformen aber auch am Gymnasium.
Basiskompetenzen Lesen und Schreiben
Die Basiskompetenzen im Deutschen orientieren sich grundsätzlich an den Kompetenzbereichen, die in Bildungsstandards und Kernlehrplänen als verbindlich gesetzt werden: Sprechen und Zuhören, Schreiben, Lesen – mit Texten und Medien umgehen sowie Sprache und Sprachgebrauch untersuchen. Der Bereich „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“ steht dabei in Beziehung zu den übrigen Kompetenzbereichen und hat in Bezug auf diese dienende Funktion. Das bedeutet, dass die Wortschatz- und Grammatikarbeit auf die produktive und rezeptive Textarbeit funktionalisiert ist.
Sprache und Sprachgebrauch untersuchen | ||
|---|---|---|
Sprechen und Zuhören | Schreiben | Lesen |
Augenblicklich stehen in der Diskussion um die Förderung und Sicherung der Basiskompetenzen die produktiven und rezeptiven schriftsprachlichen Kompetenzen („Schreiben“ sowie „Lesen – mit Texten und Medien umgehen“) im Vordergrund; die basalen, auf die Mündlichkeit orientierten Sprech- und Hörkompetenzen werden – bis auf wenige Ausnahmen – bislang noch kaum berücksichtigt.
Die beiden schriftsprachlich orientierten, produktiven und rezeptiven Basiskompetenzen „Schreiben“ und „Lesen – mit Texten und Medien umgehen“ können aus linguistischer sowie deutschdidaktischer Perspektive weiter spezifiziert werden:
Schreiben | Lesen | ||
|---|---|---|---|
Schreibflüssigkeit | Leseflüssigkeit | ||
Schreibstrategien | Lesestrategien und Leseverstehen | ||
literarisch | pragmatisch | literarisch | pragmatisch |
Anschaulich | Sachlich | Geschichten | Sachtexte |
Basiskompetenzen in der Online Diagnose | |||
Zunächst einmal lassen sich sowohl die basalen Schreib- als auch die Lesekompetenzen danach unterscheiden, ob die Schülerinnen und Schüler
- Wörter, Sätze oder Texte ohne großen Aufwand und Anstrengung flüssig lesen und schreiben können oder
- Lese- und Schreibstrategien erworben haben, Wörter, Sätze oder Texte ohne großen Aufwand und Anstrengung zu verstehen und zu formulieren.
Die Schreibkompetenz
Bei der Schreibflüssigkeit1 geht es insbesondere darum, Sprache (Silben, Wörter, Sätze oder Texte) zu verschriftlichen. Bei den Schreibstrategien2 müssen die Schülerinnen und Schüler auf der Basis von textsortenorientierten Strategien in die Lage versetzt werden, adressatenspezifische, intentionsadäquate, zusammenhängende und verständliche Texte zu planen, zu formulieren und zu überarbeiten, d.h. prozessorientiert zu verfassen. Rechtschreibung, Zeichensetzung, Wortschatz und Grammatik sind diesen Zielsetzungen funktional zugeordnet.
Die Sprachflüssigkeit kann derzeit sprachdiagnostisch noch nicht mit praxistauglichem Aufwand getestet werden.
Da im Deutschunterricht unterschiedliche Texte und Medien thematisiert werden sollen, ist es grundsätzlich sinnvoll, das Schreiben literarischer Texte und Textsorten von den pragmatisch orientierten Texten und Textsorten zu unterscheiden. Bei den literarisch orientierten produktiven Textsorten spielen die schriftlichen Erzählungen in der Doppeljahrgangsstufe 5/6 eine sehr wichtige Rolle. Erzählungen (Ich-Erzählungen, Er-/Sie-Erzählungen) können dabei als „literarisch“ apostrophiert werden, weil in ihnen Aspekte literarischer Genres (z.B. erzählwürdiges Ereignis, Spannungsbogen, Spannungsauflösung usw.) eine wichtige Rolle spielen.
Im Bereich der pragmatisch bestimmten Textsorten geht es in der Doppeljahrgangsstufe insbesondere um Textintentionen wie Berichten, Beschreiben oder Stellungnehmen, die im Schreibprozess formuliert werden sollen. In der OnlineDiagnoseBasiskompetenzen werden daher Tests und Fördermaterialien zur Basiskompetenz „Personen/Tiere beschreiben“ angeboten.
Die Lesekompetenz
Bei der Leseflüssigkeit3 geht es insbesondere darum, Wörter, Sätze oder Texte in einem angemessenes Sprechtempo verständlich, flüssig und ausdrucksbetont laut zu lesen. Bei den Lesestrategien4 müssen die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Lesestrategien (z.B. globale, selektive, detaillierte; interessengeleitete, hypothesengeleitete Lesestrategien) beherrschen und umsetzen, um den Sinn von Texten zu erfassen, zu verstehen und festzuhalten. Diese Kompetenzen orientieren sich am Verstehensprozess-Modell, wie es den PISA- und PIRLSStudien (IGLU und VERA) zugrunde liegen: unabhängige Einzelinformationen nutzen, Beziehungen zwischen Textteilen und -abschnitten herstellen, über Inhalte reflektieren, über Strukturen reflektieren5.
Die Leseflüssigkeit kann derzeit sprachdiagnostisch noch nicht mit praxistauglichem Aufwand getestet werden. Gerade bei der Förderung des Leseverstehens ist es unabdingbar, zwischen literarischen und pragmatischen Texten und Textsorten zu unterscheiden; dabei ist – nicht zuletzt wegen der vielfältigen Dynamik der Medienkommunikation – von einer Vielfalt unterschiedlicher literarischer Genres (Märchen, Fabel, Gedichte, Erzählungen usw.) sowie unterschiedlicher pragmatischer (Medien)Textsorten (Meldung, Nachricht, Bericht, Reportage usw.) auszugehen.
In der OnlineDiagnoseBasiskompetenzen werden daher Tests und Fördermaterialien zu den beiden Basiskompetenzen „Geschichten lesen und verstehen“ sowie „Sachtexte lesen und verstehen“ angeboten. Der Einbezug auditiver (z.B. Interview) und audiovisueller Meden (z.B. Videoreportage) wäre zukünftig wünschenswert. Dem Leseverstehen kann ein Hör- bzw. Hör-/Seh-Verstehen an die Seite gestellt werden.
An dieser Ausrichtung der Diagnosetests zeigen sich konzeptionelle Grundlagen und Alleinstellungsmerkmale:
Fußnoten
1) In der Anhörfassung des Kerncurriculums für die Schulformen des Sekundarbereichs I 2024, S. 12 werden für den Bereich der Schreibflüssigkeit folgende Basiskompetenz genannt: Buchstaben formklar, Wörter lesbar und flüssig schreiben.
2) In der Anhörfassung des Kerncurriculums für die Schulformen des Sekundarbereichs I 2024, S. 12 werden für den Bereich der Schreibflüssigkeit folgende Basiskompetenz genannt: Teilschritte des Schreibprozesses (planen, formulieren, überarbeiten) zunehmend selbstständig steuern, eigene Texte verständlich, sprachlich angemessen und strukturiert verfassen. Hinzu kommen basale Fertigkeiten in Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik: Kernwörter richtig schreiben, Rechtschreibstrategien nutzen, Satzanfänge großschreiben und Interpunktionszeichen setzen, vollständige Sätze schreiben
3) In der Anhörfassung des Kerncurriculums für die Schulformen des Sekundarbereichs I 2024, S. 12 werden für den Bereich der Schreibflüssigkeit folgende Basiskompetenz genannt: Laut-Buchstaben-Zuordnung benennen und synthetisieren, häufige Silben und Morpheme sowie vertraute Wörter wiedererkennen, über einen angemessenen Sichtwortschatz verfügen, Texte flüssig lesen (in angemessenem Tempo, genau und betont).
4) In der Anhörfassung des Kerncurriculums für die Schulformen des Sekundarbereichs I 2024, S. 12 werden für den Bereich der Schreibflüssigkeit folgende Basiskompetenz genannt: Lesestrategien anwenden, Informationen bei kurzen, einfachen Texten verknüpfen und wichtige Aussagen erfassen.
5) Vgl. Progress in International Reading Literacy Study



